#WINFRIED ANSLINGER - Der Autor 

#LUTHERTURM - DAS BUCH

Tb / Pb / S.176 / Preis: 12,90 EUR

                                                           ISBN978-3-942199-17-9




#SCHMIDT & SOHN - DAS BUCH

Tb / Pb / S. 774 / Preis: 15,90 EUR

ISBN 978-3-942199-23-0

 Ich wuchs in einer Stadt auf, die im zweiten Weltkrieg durch Bomben fast völlig zerstört wurde. Meine Kindheit und Jugend war durch Erzählungen von Bombennächten und Fronterlebnissen beeindruckt. Nie konnte ich die Bilder vergessen, die sich mir damals einprägten, obwohl ich das Erzählte nie selbst erlebt habe. Es geschah Jahre vor meiner Geburt. Die Ruinen allerdings sehe ich noch vor mir, die Trümmergrundstücke und Baulücken, die sich erst im Lauf der sechziger Jahre vollständig schlossen. Die Erwachsenen um mich herum hingen stark an ihren Erlebnissen und kamen nie mehr davon los. Auch ihre Gegenwart blieb im Schattenriss des Weltkriegs vielfach beeinträchtigt, nicht nur körperlich.

 Als ich Jahre später Gelegenheit bekam, mit einer großen Zahl alter Menschen über ihr Leben zu reden, kamen die meisten von ihnen nach vier oder fünf Sätzen auf die Zeit zwischen 1939 und 1949 zu sprechen. Es tauchten die gleichen Themen auf, die ich aus meiner Jugend kannte. Eine ganze Generation scheint ihre Biographie vom Krieg her interpretiert zu haben, teilweise auch von der Zeit unmittelbar danach. Es ist schon auffällig, wenn im Rückblick auf achtzig Jahre Lebenszeit eine Spanne von weniger als zehn Jahren regelmäßig mehr als drei Viertel des Erzählstoffs beansprucht. 

 Erst in jüngster Zeit beschäftigen sich Therapeuten und Historiker mit diesem Phänomen. Ich begann vor einigen Jahren, Erinnerungen zu sammeln. Aus meinem eigenen Gedächtnis und aus Berichten von Personen, denen ich im Lauf der Jahre begegnet bin. Aus diesem Material ist - in anonymisierter Form - dieses Buch geworden. Es konnte nur ein Familienroman werden, weil fast alle in Familienverbänden leben und dort ihre wichtigsten Erfahrungen machen. Er musste sich über mindestens drei Generationen erstrecken, weil drei Generationen vom Krieg betroffen waren. Das ist bei allen dramatischen Ereignissen so. Und es musste eine Geschichte über Deutschland werden, denn dahin gehören wir, ob es uns gefällt oder nicht.

 Sollte es gelungen sein, mit diesem Roman eine Erinnerung zu stiften für die Menschen, deren Leiden, Glücksmomente und Hoffnungen uns irgendwann einmal berührt haben, wäre ich mit meiner Arbeit zufrieden.

Winfried Anslinger


Vorbemerkung:

 Die Erzählung spielt in einer fiktiven Stadt Südwestdeutschlands. Alle Personen, Sachverhalte und Handlungen sind erstunken und erlogen. Sollte bei Lesenden dennoch der Eindruck aufkommen, an dem Erzählten könne etwas Wahres sein, mag dies in der Absicht des Autors gelegen haben.


LESEPROBE - SCHMIDT & SOHN 

 Als Gerhard auf der Welt und ich in der Lehre war, gab es auch ein neues Geld. Schon Wochen vorher hatte man das bemerkt. Es wurde viel gesprochen, skeptisch ge-blickt und abgewogen, am Ende auch verworfen. Dann blieb unser Geschäft fast vierzehn Tage lang zu. Während dieser zwei Wochen bekam man fast nirgendwo etwas zu kaufen. Selbst Lebensmittel waren schwer zu beschaffen. Es war, als hielte die ganze Welt den Atem an. Auf die Baustellen wurde kaum geliefert, der Vater ließ den Rollladen unten. Statt Leitungsdraht, Lampen und Schaltungen zu verkaufen, befasste er sich mit Nach-besserungen und Vormontagen. Oft ging er mit dem Handwagen weg, um in Fabriken und Werkstätten zusätzliches Material zu besorgen. Inzwischen gab es vieles, was man durch Tausch oder gegen Gefälligkeiten erwerben konnte. Und weil die Zweifel viel größer waren als die Zuversicht, versuchten alle, möglichst viele Sachwerte zu horten. Sachwerte konnte man gegen andere Sachen tauschen, Geld, wenn es wertlos geworden war, nicht. Mehrfach begleitete ich ihn bei seinen Touren, lernte Handwerksmeister und Facharbeiter kennen, die allesamt bedenkliche Gesichter machten und von derselben Frage bewegt schienen: Wie geht es weiter? Während ich beim Ein- und Ausladen half, wogen sie ab und zweifelten, ob ein neues Geld Sinnvolles bewirken könne, wo das alte schon zweimal kaputt gegangen sei. Kaum einer vertraute den Beschwichtigungen, die man in Zeitungen las oder aus dem Radio hörte. Unser Lager war inzwischen so voll, dass wir Neuware in die Gänge legten oder aufsetzen mussten. Jede Nacht lebten wir in Angst, bestohlen zu werden. Die Rollläden versahen wir mit Vorhängeschlössern und erwogen die Anschaffung eines Hundes. Viele Geschäfte sollen damals  überquellend Vorräte gehortet haben. Das Geld, ob Reichsmark, Rentenmark oder Militärmark, taugte nichts und das neue war noch nicht da.

 Dann kam der 20. Juni 1948, Tag X, ein Sonntag. Schon vorher war dem neuen Geld per Rundfunknachricht ein Name verpasst worden: „Das neue Geld heißt Deutsche Mark.“ Jeder erhielt vierzig Mark auf den Kopf im Tausch gegen vierzig alte Reichsmark. An den Schaltern für die Lebensmittelkarten wurde sie ausgegeben.  Jetzt sollte die Zeit vorbei sein, wo man in Zuteilungsmarken, Zigaretten und Gebrauchs-gegenständen gerechnet hatte, die Schlangen vor den Ausgabestellen waren lang. as neue Geld bestand aus Papier. Münzen kamen erst später. Das alte Geld, das man über die vierzig Reichsmark hinaus besaß, wurde im Verhältnis zehn zu eins getauscht, die alten Einmarkscheine wurden zu Groschen. So viel hatte der Krieg also gekostet. Die Besitzer von Sparbüchern fluchten, weil ihre Guthaben noch stärker abgewertet wurden, nämlich hundert zu sechseinhalb. Einstweilen erhielten sie noch nichts davon, weil die neue Notenbank ihre Konten gesperrt hielt. Manche Schieber und Schwarzhändler sollen ihre überschüssigen Scheine im Ofen verfeuert haben, weil sie deren Herkunft hätten deklarieren müssen. Bedauert hat das niemand. Man konnte kaum glauben, dass Geld auf einmal wieder etwas taugen sollte.

 An diesem Sonntag des Tages X haben unsere Eltern von zehn bis elf Uhr morgens mit dem Schirm vor einem Geldschalter gewartet. Dann brachten sie die neuen Scheine in einer großen braunen Tüte heim. Margot und ich durften sie anfassen; wir bewunderten die Stahlstiche auf beiden Seiten, mit Figurengruppen, Arabesken und Zahlen: Eine, Zwei, Fünf und Zehn Mark. Später, als die Sonne herauskam, spazierten wir zum Fluss, wo die neue Eisenbahnbrücke gerade fertiggestellt war. Staunend betrachtete ich, wie einer der ersten Züge darüber donnerte. Dann gingen wir am Ufer entlang zum Stadtpark, der sich seit dem Krieg kaum verändert hatte. Den Kinderwagen durfte ich zusammen mit meiner Schwester schieben. Es waren viele Leute dort, die Eltern blieben häufig stehen und unterhielten sich, wir schoben den Kleinen zu den Tauben, die auf ihren kleinen Füßen stolz umherschritten, als hätten sie heute auch ihre vierzig Mark bekommen und könnten sich was leisten. Am Ententeich schauten wir zu, wie die Wasservögel ihre jungen Familien zum Sonntagsspaziergang ausführten.

 Später, als die Sonne sank und der Himmel ein optimistisches Schönwetterrot über unsere Welt ausgoss, stiegen wir die Freitreppe eines vornehmen Restaurants hoch, das am Eingang des Stadtparks gelegen war. Das „Casinorestaurant im Park“ war eine der nobelsten Adressen unserer Stadt, es leistete sich unter dem klassizistischen Säulenportikus einen Portier, dessen Aufgabe darin bestand, die Gäste zu begrüßen und mit gesalbter Rhetorik in die einzelnen Gasträume zu geleiten. Ängstlich folgten wir unserem Elternpaar, meine schmutzigen Knie, die Kleidung und nicht zuletzt der Kinderwagen kamen mir in diesem Ambiente deplatziert vor, doch die Eltern schienen sich in solcher Umgebung sicher zu fühlen. Womöglich hatten sie vor dem Krieg häufiger an solchen Orten gespeist. Wir saßen an einem weiß gedeckten Tisch, Kellner kamen und notierten eifrig, was der Vater ihnen aus der Tageskarte diktierte, wir wurden zweimal beiläufig nach Gerichten gefragt, die wir nicht kannten. Dann begann, was man ein festliches Ritual nennen darf. Wagen wurden in den Gastraum herein gefahren, silberne Deckelhauben gelüftet, es duftete. Kellner erstatteten Bericht über die Leistungen der Küche in Gestalt von Ragout und Hollandaise, Stroganoff und Creme Brulée, es hörte gar nicht mehr auf. Ich erinnere mich  nicht, jemals zuvor ein solches Menu genossen zu haben, was angesichts von Mademoiselles Kochkünsten einiges zu bedeuten hat. Eifrig wurde den Eltern Wein eingeschenkt: Beaujolais und Bordeaux, Grand Cru mit fruchtigem Bukett und starkem Abgang, wir bekamen Bluna. Meine Haupterinnerung an diesen Tag ist ein Ballongefühl im Bauch und die Angst, bei einer falschen Bewegung sofort zu explodieren. Und hinter uns huschten dauernd diese Lakaien herum, die nachschenken wollten, die unsere Teller sofort abräumten und ständig nach Wünschen fragten. Dabei fiel uns bei all dem Glanz, mitten in einem Eldorado von Genüssen, überhaupt nichts mehr ein.

 Die elektrischen Lüster gingen an und ein fahler Mond schien durch die Kristallfenster, die Gespräche bei Tisch wurden fahriger. Gerhard musste ständig hoch genommen und  beruhigt werden. Der Vater zog eine flache Pappschachtel aus dem Mantel und entnahm eine Zigarre mit ungewöhnlicher Form. „Krumme Hunde“ hieß die Marke, wohl nicht ohne Grund. Er hatte immer welche bei sich und steckte sie an, wenn er gut gelaunt war. Hell flammte das Streichholz auf, eine Rauchwolke umhüllte ihn. Meine Augen gingen auf Halbmast. Am Ende, als es ans Bezahlen ging, musste die Mutter unsere Geldbörse handhaben, weil der Vater sie mit seinen rotweinschwer gewordenen Fingern nicht mehr aufbekam. Auf dem Weg zum Ausgang wankte er bedrohlich und versuchte, sich erst an einem Kandelaber, dann an der Garderobe festzuhalten. Er redete laut und polterte, dass die Mamma ihm ins Ohr zischen musste und uns Kinder schnell mit sich nach draußen zog. Auf der Treppe fielen beide hin und die Mutter nannte den Vater einen Esel, weil er das neue Geld in weniger als vier Stunden auf den Kopf gehauen und durch sein unbeschreibliches Benehmen die Familie vor der ganzen Stadt blamiert habe. Daraufhin wollte er ihr eine Ohrfeige versetzen, traf aber nur den Laternenpfahl, was sein Fluchen mit schmerzhafter Erbitterung mischte, fühlte er sich doch in seiner Gutmütigkeit, eine dumme Gans geheiratet zu haben, die nichts, aber auch gar nichts begriffe, vom Schicksal vollständig betrogen. Wir sahen ihn an diesem Abend auch noch lachen. Kurz bevor man in unsere Straße einbog, war eine Backstein-mauer stehen geblieben, die seit längerem für Plakat-anschläge diente. Als wir nämlich das neue Geld bekamen, gab es auf einmal auch viele neue Politiker, die durchs Land zogen und erklärten, wie es jetzt weitergehe. Ihre Auftritte wurden auf großen, bunten Aushängen angekündigt, die an Wänden, Litfasssäulen und Laternen-pfählen hingen. Unser Haus war gerade in Sichtweite gekommen, da hörten wir von dieser Backsteinmauer her ein seltsames Würgen und Stöhnen.

 Wir drehten uns um und sahen den Vater dort an der Mauer stehen. Mit dem rechten Arm stützte er sich notdürftig ab, um nicht hinzufallen. Er war uns viel schneller gefolgt, als wir für möglich gehalten hatten. Im Licht einer Laterne sah man jetzt, wie in hohem Bogen ein brauner Strahl aus seinem Gesicht herausschoss. Wieder und wieder ergoss es sich aus ihm heraus auf die Wand, wo die neuen Politiker hingen. Wir liefen zu ihm hin, doch er machte eine abwehrende Geste, es schien eine ernsthafte Angelegenheit zu sein, bei welcher ihn niemand stören sollte. An der Mauer hingen die Köpfe vieler neuer Leute, die jetzt wichtig waren, weil sie uns das neue Geld verschafft hatten. Einer davon, der aussah wie eine Mumie, hieß Adenauer, ein anderer, einarmiger, dessen rechter Ärmel immer leer in der Jackentasche steckte, Kurt Schuhmacher. Das waren sicher auch sehr ernsthafte Menschen. Doch der Vater schien ihr Geld nicht ernst zu nehmen, jedenfalls hat er, nachdem er davon gekostet hatte, ihnen alles wieder zurückerstattet, über ihre ernsthaften Gesichter und Anzüge hin, in der Gestalt und Konsistenz, die es unter seiner Verwendungsweise angenommen hatte. Nachdem alles verrichtet war, lachte er. Lachte mit der Stimme der Narren und Betrunkenen, welche meist die Wahrheit sagen. Es war der 20. Juni 1948, ich erinnere mich genau an das Datum, weil ein herausgerissener Kalenderzettel jahrelang in unserer Werkstatt hing. Mit einer Stecknadel gepinnt ans Schwarze Brett, wo sonst nur die dringendsten Termine hingen.

 An den folgenden Tagen zeigte sich, was der Vater gemeint hatte, als er den Politikern ihr Geld zurückerstattet hatte. Der Laden stand voller Leute, die Kabel, Lampen und Stecker, Birnen und Bügeleisen brauchten. Die Kasse klingelte in einem fort und nach Geschäftsschluss zählten die Eltern in der Küche unter dem Schein der Vierzigwattleuchte das neue Geld, indem sie die bunten Scheine durch ihre Hände gleiten ließen und alles betrachteten, als sei‘s ein Schatz, den man zufällig im Garten gefunden hat. Trotzdem blieb der Vater skeptisch und tauschte es schnellstmöglich in neue Ware ein, die wir uns nun liefern ließen, weil das Verkaufen und Installieren inzwischen all unsere Zeit beanspruchte. Trotz aller Skepsis war dieses Geld ehrlich verdient: erhandelt, gewonnen, und schließlich alter Gewohnheit folgend nach Soll und Haben in große Kladden verbucht, mit der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns. Doch unser ehrliches Geld war nicht das gleiche wie das bei einem Fabrikarbeiter oder bei der Kriegerwitwe Hermine, die in der Krankenhauswäscherei der barmherzigen Schwestern für einen winzigen Stundenlohn Bettzeug mangelte. Bei einem Geschäftsinhaber mit Laden, Werkzeug, Material und Angestellten wirkte das neue Geld sich ganz anders aus als bei jemandem, der nur zwei Hände zum Arbeiten besaß. Es vermehrte sich nämlich wie von allein, weil nicht bloß zwei Hände, sondern viele Hände damit tätig waren. Wir waren bei Weitem nicht die Einzigen, die vom neuen Geld begünstigt wurden. Aktien, Grundstücke und Fabrikanlagen hatten durch die Währungsreform keinerlei Abwertung erfahren, verdienten durch hohe Nachfrage auf der einen Seite und Löhne, wie sie zur Jahrhundertwende üblich gewesen waren, auf der anderen Seite exorbitant und machten ihre Besitzer in wenigen Jahren reicher als je zuvor. Aus den Radios erklang damals ein Schlager, den viele mitsangen: „Die süßesten Früchte bekommen nur die großen Tiere, weil diese Tiere groß sind und weil die Bäume hoch sind. Die süßesten Früchte schmecken dir und mir genauso. Doch weil wir beide klein sind, erreichen wir sie nie.“

 Wieder einmal hatten wir Glück gehabt, unverdient aber nachhaltig. Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, darin bestand das Erfolgsgeheimnis. Doch wer verrät einem diesen Ort? Ich konnte in jedem Fall von Glück sprechen. Hatte ich doch einen Bruder bekommen und ein neues Geld und war dazu noch aus der Schule gekommen. Letzteres war der einzige bedeutsame Umstand, zu dem ich aktiv beigetragen hatte.

  Wir schrieben das Jahr 1948. Und 1948 ist aus dem alten Land ein neues geworden. Ein neues Land, in dem alles anders und besser werden sollte, als es vorher gewesen war. Allen Beteiligten war klar, dass etwas Neues kommen musste, denn wie vorher konnte es nicht weitergehen. Doch kaum einer begriff, wie viel Glück dafür notwendig war, damit dieses Neue nicht gleich wieder in die Binsen ging. Gerecht konnte es bei der Austeilung dieses Glücks natürlich nicht zugehen. Es gibt immer welche, die mehr und andere, die weniger davon abbekamen. Ich weiß nur, dass für mich das neue Land zusammen mit dem neuen Geld gekommen ist, das heißt, erst kam das Geld und dann das Land, weil das Geld immer wichtiger ist. Ich selbst bin dabei nicht zu kurz gekommen. Freilich habe ich das alles nur erlebt, weil ich im Jahr 1933 geboren bin. 

 Im Jahr 1933  bin ich als Sohn des in dritter Generation ortsansässigen Kaufmanns  Herrmann Schmidt und  Frau Hannelore in unserer Stadt geboren worden. Im selben Jahr ist ein österreichischer Weltkriegsgefreiter namens Adolf Hitler in Berlin Reichskanzler geworden. Im Jahr 1948 war der Reichskanzler Hitler erledigt und ich bin Lehrling geworden in der ortsansässigen Elektro-handlung und Installationsfirma „Schmidt & Sohn.“

 Im Jahr 1948 bereitete sich ein rheinischer Rechtsgelehrter namens Konrad Adenauer darauf vor, Bundeskanzler zu werden, während ich einen Bruder bekam und ein neues Geld. Konrad Adenauer wurde nur Bundeskanzler, weil Adolf Hitler vorher Reichskanzler geworden war. Und ich habe nur einen Bruder und ein neues Geld bekommen, weil meine Eltern fleißige, rechtschaffene Bürger gewesen sind, die den Ver-hältnissen, wie sie jeweils aufgekommen waren, immer einen breiten Buckel hingestreckt haben. Und weil sie bei all dem, was zwischen dem einen und dem anderen passiert war, großes Glück gehabt hatten und immer einen Löffel einstecken hatten, wenn es Brei geregnet hat. Und ich bin im selben Jahr aus der Schule gekommen und Stift geworden, damit ich das alles fortsetzen sollte, das Geschäft, das Buckelhinstrecken und das Geldverdienen und Verbuchen nach Soll und Haben, damit man nicht zu kurz kommt. 

 Irgendwie hat alles mit allem zu tun, ob es um Kanzler oder Geschäftsinhaber, um Geld oder Staat, um den Krieg oder um das große Aufräumen hinterher geht. Da kann mir keiner mehr etwas vormachen. Und im Grunde weiß ich bis heute nicht, was ich genau wem zuschreiben soll. Was dem Krieg oder dem Geld, unserem Glück oder unserem Unglück, dem Hitler oder dem Adenauer. Nicht alles ist da nämlich so verschieden, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.


Sie hatten wahrscheinlich eine ganz andere Welt vor Augen als ich, sie lebten in weiten, hellen Landschaften und kannten sich mit fremden Dingen aus. Aber ihre Musik war so wie bei uns: volkstümlich oder klassisch, beschwingt oder ernst. Aus weiter Ferne klang sie unter an- und abschwellendem Rauschen herüber, zeitweise gingen die Sendesignale im Äthersturm unter, um wenige Sekunden später wie aus hohem Wellengang wieder aufzutauchen. Gebannt lauschte ich hinter ihnen her. Die Musikinstrumente beherrschten wohl überall nur ein einziges Idiom. Wenn nach dem Konzert erneut der Sprecher kam, rätselte ich, ob auch die Gedanken der Fremden den unseren glichen. Oder machten eine fremde Sprache und ein Land, in dem es anders zuging, aus den Menschen andere Wesen? Waren die fernen Länder vielleicht nur deswegen so verschieden von unserem, weil ihre Menschen anders waren, und das von Anfang an? Mussten sich die Jungen dort auch so viel gefallen lassen wie wir? Oder waren sich die Menschen überall gleich und benahmen sich nur nach außen hin anders? Das Bimmeln der Straßenbahn riss mich aus meinen Gedanken. Sie verkehrte offenbar wieder, nachdem sie tagelang ausgefallen war. Vor allem bei kalter Witterung konnte man sich nicht auf sie verlassen, weil noch nicht alles instand gesetzt war und vielerlei technische Probleme die Fahrpläne über den Haufen warfen.

Wetterumschwünge im Winter wurden auch aus anderem Grund gefürchtet. Wenn Kinder in den falschen Kleidern vor die Tür gegangen oder nass geworden waren, fingen sie sich leicht Erkältungen mit Fieber ein, die unversehens zu einer Lungenentzündung werden konnte.

 

Dann drohte Gefahr, weil die Regale in den Apotheken noch ziemlich leer waren. Viele ängstigten sich, die schlechte Ernährungslage ließ selbst harmlose Krank-heiten schnell außer Kontrolle geraten. Im Oktober 1948 starb unsere Oma.  Als wir sie zum letzten mal in ihrer Wohnung besuchten, war ihr Hals so schlaff und faltig geworden, dass man darin jede Sehne, jede Ader erkannte, die zwischen Kopf und Brust verlief. Dazwischen wackelte ihre zittrige Kehle umher, die sagte: „Ich bin froh, dass ihr jetzt all bei mir im Himmel seid. Ich hab´s gut do owwe, brauch mich um nix mehr zu kümmere.“ Sie hatte völlig vergessen, dass sie am Leben war, aber es hatte sich noch kein Umstand gefunden, der ihr half, richtig zu sterben. Erst die Herbstkälte brachte eine Grippe mit, die ihren krummen Leib innerhalb von drei Tagen erlöste. Zeitgleich jedoch, fing auch die Mamma an zu husten. Kurz nach Omas Beerdigung stellte sich ein leichtes, aber heimtückisches Fieber ein. Margot und ich kamen erneut zu Tante Elisabeth, damit Mamma sich erholte. Die Tante holte uns von der Schule ab und beruhigte alle Besorgnis, ihr sanftes Wesen tat mir gut. Sie bewohnte inzwischen ein Dachappartement am anderen Ende der Stadt. Es war ein wenig größer als das Vorige und wir fanden dieselben Möbel darin wieder. Ich beschlief wieder das staubige Sofa, meine Schwester bekam auf dem Teppich davor mit Decken und Kissen ein improvisiertes Bett zurecht gemacht. Auf dem Esstisch von Elisabeths kleiner Küche fanden wir Modezeitschriften, auf der kleinen Anrichte einen Stoß Schnittmuster, in der Ecke sah ich bunte Stoffe über eine Nähmaschine gelegt, als ob unsere Tante demnächst beginnen wolle, ein Kleid anzufertigen. Hier drohte keine Langeweile.

Ein Blick in ihre Schlafkammer zeigte Flakons und Puderdosen auf dem Waschtisch, man sah sofort, dass es hier anders zuging als bei uns: Elisabeth hatte noch keine Familie. Während sie auf dem kleinen Herd ein warmes Essen richtete, spielten Margot und ich mit den Waschtischspiegeln. Es gab rechts und links von Haupt-spiegel zwei bewegliche Flügel, in denen man bei entsprechendem Winkel sich selbst in fünf, zehn, zwanzig identischen Ausgaben erblicken konnte, je nachdem, wie man die Flügel gegeneinander stellte. Jede Bewegung der Lippen wurde von den vielen Abbildern sklavisch imitiert, wir staunten und prusteten, unsere Grimmassen wurden immer kühner, unser Gelächter ausgelassener, bis Elisabeth Angst um Glasplatte und Porzellanfigürchen bekam.

Mit einer altersgemäßen Wahrnehmung spürte ich, dass neben Elisabeth noch jemand anderes in dieser Wohnung verkehren musste. Es war eine unsichtbare Anwesenheit, ein fast besitzergreifendes Dasein, welches schwer zu ignorieren war, und es hatte eindeutig männlichen Charakter. Ob mich der Geruch darauf brachte? Etwas wie Tabak, Leder und Motorenöl hing in der Luft. Bald bestätigte sich dieser Eindruck, indem einmal eine Krawatte über dem Holzbügel am Kleiderschrank hing, ein andermal sah ich eine Hose und ein groß kariertes Taschentuch im Wäschekorb liegen. Niemals bekamen wir diesen Besucher zu Gesicht.

Morgens gab es „Kathreiner“ mit Schwarzbrot und Marmelade, abends kam ein Topf Pellkartoffeln auf dem Tisch mit einer Schüssel Quark. Wenn das Geschirr im Schrank zurück war, knipste Elisabeth die Stehlampe an, schlug ihre langen Beine übereinander und las uns aus den Modezeitschriften vor. Es stellte sich heraus, dass sie fast zehn Jahre alt waren, und aus einer Zeit stammten, wo man den deutschen Mädels noch Dirndl und figurbetonende Korsetts empfahl. Jetzt erschienen Hüftgürtel jedweder Art überflüssig, weil kaum jemand mehr auf sich hatte, als zum Leben nötig war. Aus ihren zerfledderten Magazinen lernten wir, was modische Kleidung ausmacht und wie man eine Wohnung verschönert durch Sofadecken, Kissen und Vorhänge mit Kreuzstich, Plattstich, Zopfstich, mit Spitzen, Troddeln und Bordüren verziert, durchbrochen oder golddurchwirkt, wie das alles auf Tischen und Schränken ganz vornehm aussah. Sie las uns Hausfrauengeschichten vor, die sich um Kinder, Großeltern und Haustiere drehten.

Tagsüber arbeitete Elisabeth in einem Büro. Sie nahm uns morgens in der „Elektrischen“ mit. Wie aufregend, zum ersten Mal in diese verschachtelten Kästen aus Holz und Blech einsteigen zu dürfen, die mit an- und abschwellendem Sington im Schienenbett dahin glitten, deren Fahrwerk ständig ruckelte und in den Kurven kreischte. In den Straßen hing dicht der Nebel, die Laternen brannten noch und schnell liefen die Fußgänger mit hochgezogenem Mantelkragen zu ihren Arbeits-stätten. Niemand war jetzt freiwillig unterwegs. Ein Schaffner kam zu den Fahrgästen mit einem glänzenden Metallgerät. Das hing ihm vor der Brust und nahm die Münzen für das Fahrgeld auf. Es gab auch Wechselgeld zurück und hatte an der Seite eine Kurbel, mit welcher er nach dem Bezahlen einen Fahrschein herausdrehte. Unsere Eltern benutzten nie die Bahn. Wenn Elisabeth ausgestiegen war, mussten wir noch zwei Stationen stehen bleiben bis zur Goetheschule. Rechtzeitig mussten wir uns durch die Menge der Fahrgäste zur Plattform vorarbeiten, damit wir aussteigen konnten, sobald der Waggon zum Stehen kam. Wichtig war das Holzgeländer, an dem wir uns beim Aussteigen festhielten, weil die blechernen Stufen so hoch waren, dass Kinder und alte Leute manchmal hinabstürzten. Ich brachte Margot zum Unterricht und ging danach in unseren Betrieb. Mittags durfte ich früher Schluss machen, um meine Schwester wieder abzuholen. An der Lenaustraße bestiegen wir erneut die Elektrische Richtung Weststadt, Elisabeth und Freizeit. Dass Kinder in den voll besetzten Waggons stehen mussten und von eilig ein- oder aussteigenden Menschen angerempelt wurden, machte uns nichts aus. Ich hatte nur Augen für die Stadt, die hinter den Fenstern an mir vorüberglitt, freute mich über die Auslagen der Geschäfte, reckte den Hals, wenn man von Kreuzungen aus einen Blick in die Querstraßen werfen konnte. Lebhaft sind mir noch die Reklameschilder im Waggon vor Augen: die Maggi Suppenwürze, Miele Wasch-maschinen, eine Detektei.

Elisabeth hauchte unserem Dasein ein Moment von Freiheit und Anderssein ein. Außerdem verstand sie sich auf Tippen und Steno. Schreibmaschinen hatte ich schon in der Karcherstraße gesehen. Dort standen sie in einer Auslage, doch ihre Funktion war mir rätselhaft geblieben. Elisabeth weihte uns ein: jeder Finger sei für bestimmte Tasten zuständig, Geübte konnten damit fast ebenso schnell schreiben, wie man spricht. Noch schneller gehe Steno. Sie malte einige Kürzel auf Papier und zeigte, wie ihr Stift über den linierten Block flitzen konnte, sobald ihr Margot ein Gedicht aus dem Unterricht diktierte: „Frühling lässt sein buntes Band…“ Sie beherrschte mehr Künste als unsere Mutter, sah jung aus und frisch.

Ihre Figur war auch in schlecht genähten Kleidern klar erkennbar, das üppige blonde Haar trug sie offen, nur von einer Spange gehalten, ihre Gesichtszüge riefen seltsam ungewohnte Aufregungen in mir hervor. Das verwirrte mich, denn seit der Niederkunft von Gerhard hatte sich mein Gefühl fürs Weibliche stark gegensätzlich entwickelt. Durch die Ereignisse, welche so tief in unser Leben eingegriffen, so viel Aufmerksamkeit uns gekostet, die uns zu Bediensteten am elterlichen Hof degradiert hatten, war mir die Mamma fremd geworden. Sie hatte meine Schwester und mich ohne Vorankündigung aus ihrem schützenden Nest geworfen, das war nicht fair. Außerdem riefen die heiklen Vorgänge um Schwangerschaft, Geburt, die verschmutzte Wäsche in den Windelhäfen auf dem Küchenherd, das Kreisen der Gedanken um körperliche Unreinheiten, manchen degoutanten Eindruck hervor. Andererseits barg „das Weib“ erregende Geheimnisse, die ich auf bunten Tafeln im Hausdoktorbuch vor mir sehen konnte, die zugleich eine innere Erlebensseite haben mussten. Indem diese ganzen bunten Organe zu jemandem gehörten, der damit fühlte, lebte. Der damit, ob Mann oder Frau, Dinge verrichten konnte, die zwangsläufig und zugleich umwerfend sein mussten, aber leider ganz im Verborgenen blieben. Zerrte man sie ans Licht, verdarben sie und wurden obszön. Wie folgenreich diese dunkel verborgenen Erlebnisse auf der Innenseite waren, erkannte man an Frauen, die stolz ihre schwellenden Leiber durch die Straßen führten. Selbst Mammas zerfahrener, überforderter Zustand nach Gerhards Niederkunft, wo sie ihrer selbst nicht mehr Herr war, musste damit zu tun haben.

#SCHMIDT & SOHN - DAS BUCH

Tb / Pb / S. 774 / Preis: 15,90 EUR

ISBN 978-3-942199-23-0

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