ESTHER JAROMI - Die Autorin


ESCAPE -

PRINZESSIN DER VERGANGENHEIT 

Tb / Pb / S. 132 / Preis: 12,90 EUR

ISBN 978-3-942199-57-5


Kapitel 1 

 „Markon Lake ist ein guter Mensch gewesen.

Sie hat lange gelebt, und bis zu ihrem letzten Tag hat sie hart gearbeitet. Zwar hat niemand genau erforschen können, woran sie gestorben ist, aber wir sind uns in Einem sicher: Miss Markon kommt in den Himmel.

Ruhe in Frieden, Markon Lake, denn Du warst immer für uns da und Du hat uns durch das ganze Leben begleitet!”, sagte mein Vater mit tränenverzerrtem Gesicht.

Ich hatte Miss Markon sehr gemocht. Mein ganzes Leben lang hatte sie mir geholfen. Meine Gemächer aufgeräumt, mit mir gespielt und später mit mir meine Hausaufgaben gemacht. Jetzt lag sie hier unter der Erde, in unserem Schlossgarten. Wir hatten sie hier begraben, weil wir sie so immer nah bei uns hatten. Ich weinte. Lange und heftig. Durch den Tränen­schleier nahm ich kaum die anderen Leute wahr, die zum Begräbnis gekommen waren: Meine Mutter, mein Vater und die Tochter von Miss Markon, Miss Sally. Ein ungewöhnlicher Name! Sie war unsere neue Gehilfin, nachdem ihre Mutter gestorben war. Miss Sally war eine junge Frau. Sie war 22 Jahre alt. Wegen meiner Trauer bemerkte ich nicht, wie alle, die am Begräbnis teilgenommen hatten, inzwischen weggegangen waren. Nur Priester Jokas war noch hier. Er las die Bibel.

Ich legte eine Rose auf Miss Markons Grab und ging in Richtung Schlosseingang.

Da sah ich Miss Sally neben einem Baum am Rande des Gartens sitzen.

Sie trug ihre Haare offen, was mich etwas empörte, das tat man nicht, während man sich mit Mitgliedern der königlichen Familie aufhielt. Ihre Kleidung wirkte sehr komisch: Ein schwarzes Hemd ohne Träger und eine schwarze kurze Hose. Ihre Schuhe waren aber die Krönung: Sie hatte weiß-schwarze Sandalen mit Schnürsenkeln, auf denen hinten “All Star” stand, an. Ich machte mir Sorgen um Miss Sally. Vielleicht hatte der Tod ihrer Mutter sie verrückt gemacht.

In diesem Augenblick entdeckte sie mich und schaute mich an, dabei murmelte sie: „Gehen Sie weiter, Miss Elisabeth!“

Sie gab mir Befehle! So eine Dreistigkeit! Aber da es für uns alle so ein trauriger Tag war, ließ ich sie dort sitzen.

Ich selbst beeilte mich, in meine Gemächer zu kommen, um dort mein sehr unangenehmes schwarzes Kleid ausziehen zu können. Mein Kopf tat mir weh, denn meine Haare waren mit sehr vielen, fest gebundenen Schleifen verziert worden.

Während ich durch unser hübsches Schloss schlenderte, schaute ich mir alles genau an. So kamen all die schönen Erinnerungen an Miss Markon zurück.

Ich dachte daran, wie sie mir in unserem Esszimmer erzählt hatte, wie ordentlich und nett ihre Tochter Miss Sally wäre. Sie hatte mir mitgeteilt, wenn sie tot wäre, würde diese ihren Posten einnehmen.

Daraufhin hatte ich traurig geantwortet: „Hören Sie auf, so zu sprechen, Miss Markon! Sie werden noch lange leben. Solche Reden machen mich traurig.” Damals war ich neun Jahre alt gewesen. 

Seit dem Tag betete ich jeden Tag zu Gott, dass Miss Markon gesund blieb; sieben Jahre danach starb sie.

In meinem Schlafzimmer stellte ich mich vor meinen Spiegel und betrachtete mich. Meine langen, goldenen Haare waren an jenem Tag blasser geworden, und meine grünen Augen strahlten nicht so wie an allen anderen Tagen. Der Tod von Miss Markon hatte seine Spuren hinterlassen Das Schwarze machte mich ganz blass. Ich sah aus, als wäre ich mit Graf Dracula verwandt. Seit ich das Buch gelesen hatte, hatte ich immer wieder Angst davor. Jeden Tag dachte ich, er würde vor meiner Tür stehen und mich aussaugen. Ich versuchte, mich auf andere Gedanken zu bringen, aber ständig kehrten sie zu Graf Dracula oder anderen düsteren Gestalten zurück. Um mich abzulenken, nahm ich meinen Lieblings- Gedichte-

Band von Goethe und las darin. Irgendwann schlief ich ein.

Ein Klopfen an meiner Tür weckte mich. Die schüchterne Stimme einer jungen Frau ertönte: „Ihre Hoheit, Miss Elisabeth. Ihre Eltern wünschen, dass Sie zum Essen erscheinen.” Mit leisen Schritten entfernte sich Miss Sally.

Ach, sie war so ängstlich! Obwohl ich ihr niemals etwas tun würde. Nein, sie war die Tochter von Miss Markon, also war sie meine Freundin.

Ich zog mir meinen rosafarbenen Morgenmantel an, schlüpfte in meine kuscheligen Pantoffeln und ging in unser Esszimmer. Dort war alles schon gedeckt. Eier und Butterbrote standen auf dem Tisch verteilt. Dann gab es noch Saft und Wasser. Alles wurde natürlich speziell gereinigt, damit wir nicht an der Spanischen Grippe erkrankten.

Neben mir lag die heutige Zeitung. „Der 18. Juli 1919” stand groß auf der Titelseite geschrieben. Ich las nicht weiter.

„Guten Morgen, Elisabeth, meine Tochter”, grüßte mein Vater. Er und meine Mutter kamen gerade in den Raum.

Meine Mutter lächelte: „Hast Du gut geschlafen?”

Ich grüßte zurück und sprach kurz mit meinen Eltern, bis wir uns dem Essen zuwandten.

Als alle fertig waren, rief meine Mutter Miss Sally an den Tisch. Diese sah sehr ängstlich aus. Dieses Mal hatte sie gepflegte Haare, und ihre Kleider waren angemessen.

Mein Vater forderte sie auf, sich zu setzen.

Sie setzte sich.

„Na”, fing meine Mutter an, „erzähl uns doch von Dir!”

„Ich habe die Schule abgeschlossen. Dann habe ich studiert bis meine Mutter starb.”

,,Wieso sind Sie nicht verheiratet, Miss Sally?”, erkundigte ich mich neugierig.

Miss Sally kicherte.

„Ich mag es nicht, wenn man über mich lacht. Ich befehle Ihnen, sofort aufzuhören!”, rief ich. Miss Sally beruhigte sich und antwortete endlich: „Ich bin noch zu jung zum Heiraten. Weißt Du so etwas denn nicht?”

Ich war empört und wollte etwas darauf antworten, als meine Mutter mich unterbrach:„Beruhige dich, Elisabeth! Jeder hat seine eigenen ... Sitten”.

Eine kurze Pause entstand.

,,Danke für die Vorstellung, Miss Sally, Sie können jetzt auf Ihr Zimmer gehen.”, beendete mein Vater die Stille.

Sie nickte und entfernte sich.

Ich bedankte mich und stand ebenfalls auf. Dann folgte ich Miss Sally. Sie ging in den Keller. Dort hatte sie also ihr Zimmer. Sie machte eine weiße, dicke Tür auf. Kurz bevor diese zufiel, hielt ich die Tür fest. Und was ich dahinter erblickte, war ein Wunder.


Kapitel 2 

„Was ... was ist das?”, stammelte ich. Ich starrte auf ein schwarzes Etwas, das einen silbernen Rand hatte. Es hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem schwarzen Gemälde. Daneben stand eine gewaltige Box, die riesige Kreise mit Löchern hatte. Und an den Wänden hingen Fotografien von Menschen – in allen Farben. Vielleicht ist Miss Sally eine Hexe. Deshalb ist sie bestimmt auch so komisch, überlegte ich.

„Was meinst Du?“, fragte sie entgeistert. Ich deutete mit dem Finger auf die komischen Gegenstände, die im Zimmer verteilt standen.

Verwirrt antwortete Miss Sally: „Was soll das schon sein? Ein Fernseher vielleicht? Und eine Stereo-Anlage! Du weißt doch wohl, was das ist oder?” Miss Sallys Gesicht wurde besorgt. Leise fügte sie hinzu: „Bitte sag mir, dass Du es weißt...“

„Nein, Hexe! Und komme mir ja nicht zu nahe!”, kreischte ich.

Da lachte sie ganz lange. Irgendwann hörte sie auf und sagte mit leiser Stimme: „Es ist also wahr.“ Sie hob ihre Stimme und blickte mich an: „Heute Nacht um drei Uhr werden wir uns in Deinem ... Gemach treffen. Ich werde Dir das alles erklären, irgendwie scheinst Du keine Ahnung zu haben, in welcher Zeit Du lebst. Bitte sag Deinen Eltern aber auf gar keinen Fall etwas davon! Es ist ein Geheimnis. Okay?”

Ich sah sie an: „Okay? Ist das ein Zauberspruch?”

Miss Sally seufzte: „Äh ... nein. Okay bedeutet gut. Also bist Du einverstanden mit unserem Treffen?” Ich nickte.

„Und jetzt geh, Du darfst eigentlich gar nicht hier sein!”

Ich war gespannt darauf, was sie mir bei unserem nächtlichen Treffen sagen würde. Zwar traute ich ihr noch nicht ganz, aber ich wusste, sie würde mir nichts tun.

Der ganze Tag verging sehr langsam. Ich konnte es kaum

erwarten, mit Miss Sally zu sprechen. Ich lief durchs Schloss, hatte Unterricht bei meinem Mathelehrer, Mister Cross, wie immer Langeweile der Höchstklasse, und ich reinigte mich von oben bis unten. Endlich bekam ich wieder Farbe ins Gesicht; meine Haare und Augen strahlten. Ich strahlte so sehr, dass meine Mutter mich sogar fragte, was los sei.

Ich wich aus: „Ach, heute ist einfach nur so schönes Wetter.”

Das Blöde war nur, dass ich an jenem Tag noch nicht draußen gewesen war und nicht wusste, dass es wie aus Kübeln schüttete. Meine Mutter guckte ein wenig misstrauisch, stellte aber keine weiteren Fragen mehr. Vor dem Schlafen gehen hatte ich noch Russischunterricht bei meiner Mutter; sie hatte russische Vorfahren. Der Unterricht hatte Spaß gemacht. Aber ich war schon etwas müde von der ganzen Warterei auf heute Nacht. Ich zog mein Nachthemd an, kämmte meine sauberen Haare, legte mich ins Bett und las wieder Goethe. Ich schaute immer wieder auf die Uhr. Doch die Zeit schien stehen zu bleiben. Immer wenn ich dachte, es wäre schon eine Stunde vorbei, waren erst zehn Minuten verstrichen.

Endlich, pünktlich um drei Uhr nachts, klopfte es an meiner Tür.

Ich setzte mich hin und flüsterte: „Herein.”

In mein Schlafzimmer kam Miss Sally. Ihre schwarzen Haare waren offen. Sie hatte eine lange Hose an und trug eine Bluse, die ihr viel zu groß war. Irgendwie erinnerte sie mich an Schneewittchen.

„Hallo”, sagte ich.

„Psst! Nicht so laut! Deine Eltern könnten aufwachen. Am besten, Du wirst mir nur leise und knapp auf meine Fragen antworten. Okay?”, fragte sie flüsternd.

Ich nickte.

„Welches Jahr haben wir?”

„1919.”

„Grassiert gerade die Spanische Grippe?”, fragte sie.

 

„Ja”, antwortete ich zögernd.

„Das, was Du in meinem Zimmer gesehen hast, meintest Du das ernst, dass Du nicht weißt, was das ist?”

„Ja”, wiederholte ich.

„Gut! Elisabeth, ich muss Dir so einiges erklären. Willst Du es wirklich hören?“ Sie musterte mich traurig.

Ich wollte es unbedingt hören. Das sagte ich zwar nicht, aber ich nickte eifrig.

Also sprach Miss Sally den Satz aus, der mein Leben für immer veränderte: „Deine Eltern haben dich angelogen. Wir haben gerade das Jahr 2012. Die Spanische Grippe gibt es Gott sei Dank nicht mehr, und diese Sachen, die Du in meinem Zimmer gesehen hast, das sind technische Geräte. Fast jeder Mensch in England benutzt Elektrizität. Das ist so etwas wie Magie, die die Dinge zum Funktionieren bringt. Der schwarze Bilderrahmen ist ein Fernseher. Im Fernsehen kann man sich Theaterstücke anschauen, die man heutzutage auch Filme nennt. Man kann Nachrichten gucken und erfahren, was überall auf der Welt passiert. Man kann sich über den Fernseher sogar etwas kaufen. Die Schachtel daneben ist eine Stereo-Anlage. Sie spielt Musik. Und dann ist da noch eine ganz wichtige Sache: der Computer. Über ihn kann mal alles Mögliche machen und erfahren. Und es gibt ihn in verschiedensten Größen und Farben und…“, Miss Sally stockte. „Oh, ich glaube, ich habe Dich gerade überrumpelt,… Entschuldigung! Hast du irgendetwas verstanden?“ Sie sah mich fragend an.

Ich hatte gar nichts verstanden. Meine Eltern würden mich nicht so dreist anlügen und mir so viele Dinge verschweigen. Das glaubte ich einfach nicht. Das gab es nicht, bestimmt hatte Miss Sally sich das alles nur ausgedacht. Anderseits hatte ich diese ganzen ‚technischen Geräte’ ja selbst gesehen. „Kann ich zu meinen Eltern gehen und sie fragen, ob sie mir diese ‚Geräte’ schenken können?”, fragte ich. Miss Sallys Blick war panikerfüllt, mit zitternder Stimme sagte sie: „Nein, Nein! Du darfst Deinen Eltern nichts von all dem sagen. Denn bevor ich hierher zu Euch gekommen bin, musste ich einen Vertrag unterzeichnen, der besagte, dass ich Dir auf gar keinen Fall etwas von der realen Welt berichte. Sonst ...” Sie stockte.

„Sonst was?”, unterbrach ich rau.

„Sonst nehmen sie mir alle elektronischen Sachen weg, und ich darf nie wieder in die normale Welt rausgehen.”

Ich war verwirrt, die verschiedensten Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. So saß ich da, vor mich hin murmelnd. Wenn man mich in jenem Moment gesehen hätte, würde man wohl denken, ich wäre verrückt.

Wie Miss Sally mir später erzählte, hatten meine Augen sich weit geöffnet, und ich hatte laut geatmet. Meine Eltern hatten mich nicht direkt belogen, nein, noch viel schlimmer: Sie hatten mir... Sie hatten mir alles verschwiegen! Als mir dieser Gedanke kam, bekam ich einen nervösen Lachanfall. Ja, ich lachte! In einem so absurden Moment. Ich lachte so sehr wie nie zuvor in meinem Leben, fast hysterisch. Tränen kullerten mir gleichzeitig über die Wangen. Sie fühlten sich heiß und wie aus einer anderen Welt stammend an. Ich musste noch mehr lachen, denn manche Tränen flossen bis zu meinem Hals und kitzelten mich. Auf einmal (ich sagte doch, in jenem Moment war ich verrückt) hörte ich auf, zu lachen und zu weinen.

Wie erstarrt hockte ich einfach nur auf meinem rosafarbenen Himmelbett. So vergingen Minuten, vielleicht waren es auch nur Sekunden. Aber für mich fühlten sie sich wie Tage, Monate oder Jahre an.

Miss Sally hatte während meines Psycho-Anfalls geschwiegen. Sie saß neben mir und guckte mich nur ab und zu an, als ob sie Angst hätte, dass ich ausrasten würde.

Doch dann änderte sich plötzlich meine Stimmung. Ich glaubte kein Wort von Miss Sally. Wieso sollte ich ihr vertrauen? Ich kannte sie nicht wirklich. Außerdem war der Gedanke, dass mein ganzes Leben so gelogen war, zu unrealistisch.  Miss Sally sah wohl an meinem Blick, dass ich verunsichert war und sagte mit ruhiger Stimme: „Ich weiß, dass Du mir nicht glauben kannst oder willst. Ich weiß auch, wie verrückt das alles für Dich klingen muss. Aber ich kann Dir mein Ehrenwort geben, dass ich Dich nicht anlüge. Ich möchte Dich nur retten, Dir ein wahres Leben ermöglichen.“

Diese Worte überzeugten mich und dann weinte ich nur noch, wirklich echt, es klang wie das Gewimmel einer Katze. Ich konnte nicht aufhören, so sehr ich es auch wollte, wenn ich versuchte, etwas zu sagen, wurde meine Stimme von meinen Schluchzern gestoppt.  Meine Eltern hatten mich sehr enttäuscht. Menschen, die einem sehr viel bedeuteten, waren ein empfindlicher Punkt für jeden Menschen. Und genau diesen Schwachpunkt hatte Miss Sally an jenem Tag, exakt in der Mitte meines Körpers getroffen. Mein Herz brach.

Nachdem ich mich ausgeheult hatte, wischte ich mir meine Tränen mit dem Handrücken vom Gesicht. Obwohl das nicht viel brachte, denn mein restlicher Körper war bis zu meiner Taille von salzigen Tränen durchnässt. Da war so ein schrecklicher Schmerz, als ob jemand mich mit einem Messer seziert hatte. Jedes einzelne Glied tat mir weh. Enttäuschung. Das Gefühl von Enttäuschung.

Eine Mischung aus Liebe und Hass stieg in mir hoch und verursachte einen Schmerz, der mir das Herz in Stücke zu reißen drohte.

Ich hatte 16 Jahre im Ungewissen gelebt, ohne die seltsamen Wunder, von denen Miss Sally mir erzählt hatte. Ich hatte Angst vor der Spanischen Grippe, vor dem Krieg, und vor allem anderen, was schon längst seit 100 Jahren vorbei war.

Ich wollte nicht mehr so leben, ich wollte in jenem Moment nur noch ... weg. Anderseits wollte ich zu meinen Eltern, ihnen über Miss Sally berichten, mit ihnen über sie lachen und dann alles vergessen.

Aber mein Herz sagte mir, ich solle weg. Und genau das, sagte ich mit einer rauen, kratzigen und ausgelaugten Stimme zu Miss Sally, die immer noch neben mir saß, und mir schüchtern die Hand tätschelte.

„Ich ... ich …“

Miss Sally war sichtlich überrascht, dass ich was sagte, denn sie zuckte zurück und dabei registrierte ich, im Licht der Kerze, die auf meinem Holznachtisch stand, dass ihre Augen auch nass waren. Komischerweise passte das zu ihrem schönen Gesicht. Ihre Haare, rabenschwarz, wie die Schwärze, die mich umfing, streiften ihre Wangen und fielen ihr über den Rücken hinunter. Im Kerzenschein wirkte sie weise und gelehrt, ungewöhnlich – viel gelehrter, als man es in ihrem Alter erwartet hätte.

 „Ja, Elisabeth?“, zaghaft streichelte sie meine Hand.

Ich war froh, in dieser schrecklichen Stunde nicht allein zu sein. „Ich will hier weg!”, flüsterte ich. Ich wusste in jenem Moment nicht, was genau ich damit meinte. Wollte ich wirklich mein gut behütetes Zuhause verlassen? War es wirklich die richtige Wahl? Ich glaubte schon.

Miss Sally guckte traurig ins Leere, auch sie stellte sich Fragen, das merkte ich.  Aus ihrem Blick las ich ab: Es gab keine Chance, meinen Eltern und dem Schloss zu entkommen. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, da hellte sich der Blick von Miss Sally auf, und sie lächelte mir aufmunternd zu: „Ich habe eine Idee! Du …“, begann sie, doch sie wurde unterbrochen.

Schritte näherten sich, und ich hörte, wie sie immer näher zu meiner mit Holz verzierten Tür kamen.

Ich hatte eine dunkle Vorahnung, wer das sein könnte. Ich war zu laut gewesen.

„Elisabeth? Was machst Du?“

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ESCAPE -

PRINZESSIN DER VERGANGENHEIT 

Esther Jaromi

Tb / Pb / S. 132 / Preis: 12,90 EUR

ISBN 978-3-942199-57-5

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