ANNA V. Z. GELLER - Die Autorin


SAMTENE STIMMEN - Das Buch

Tb / Pb / S. 166 / Preis: 11,90 EUR

ISBN 978-3-942199-24-7

LESEPROBE:

Kapitel 1:

Der See lag bedrohlich vor ihnen. Dunkel spiegelte sich der Eiswald darin wieder und ließ den letzten Schnee der Tannen in der Abenddämmerung glitzern. Niemand wagte, zu atmen. Schweigend zog Fina mit der Schuhspitze Kreise in den Sand. „Und jetzt?“ Warnend legte Fina Tessa den Zeigefinger auf die Lippen. „Schschscht“, wisperte sie und schloss die Augen. Langsam bewegte sie sich auf die Villa gegenüber dem See zu. Irgendeine Stimme, leise, aber deutlich und eindringlich, lockte sie näher. Tessa wollte schreien, sie wollte rufen und Fina bitten, nicht hineinzugehen. Aber ihre Lippen waren wie miteinander verbunden. Bevor sie losrennen konnte, war ihre Freundin bereits in den unheimlichen Gemäuern verschwunden. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, sprang sie ihr nach. Es dauerte nur wenige Augenblicke und die Dunkelheit hatte sie verschluckt.

 

„Bitte, beruhigen sie sich!“ Eindringlich redete Kommissar Mandt auf die Frau ein und versuchte, sie zu beruhigen. „Meine Tochter…meine arme kleine Fina!“ Perplex griff Frau Schacht nach einem kleinen Handtuch und trocknete ihre Tränen. Herr Schacht saß neben ihr und streichelte unbeholfen ihren Rücken. „Wir haben unsere besten Männer beauftragt, Fina zu suchen. Machen sie sich keine Sorgen.“

„Meine Tochter ist jetzt schon über zwei Tage weg. Was wenn…“ Der Rest des Satzes wurde von lautem Schluchzen verschluckt. „Warum habe ich sie auch in diesen Wald laufen lassen. Das ist alles meine Schuld!“ Diese Worte hatte Mandt in den letzten Wochen mehrmals zu hören bekommen. Es beunruhigte ihn, das in den letzten dreieinhalb Wochen so viele Fälle von verschwundenen Kindern eingegangen waren. Doch das konnte er dieser sowieso schon völlig aufgelösten Frau nicht auch noch zumuten. Stattdessen sagte er: „Ich werde sie sofort informieren, wenn wir neues wissen sollten. Ich würde vorschlagen, sie gehen jetzt erst einmal schlafen, es ist schließlich schon spät. Morgen früh gegen neun werde ich wiederkommen.“ Mit einem freundlichen Nicken verabschiedete sich der dicke Kommissar und stieg schwerfällig in seinen silbernen Audi ein. Da es schon nach elf Uhr abends war, hatte er sich mit seinem privaten Wagen auf den Weg zu den Schachts gemacht. Er wusste, wie schlimm es war, wenn die Tochter verschwand, deswegen machte ihm der Umstand nichts aus. Außerdem wurden ihm immer solche Aufgaben aufgebrummt. Die meisten auf der Dienststelle fanden nämlich, dass Herr Mandt besonders gut mit verstörten oder traurigen Menschen umgehen konnte. Müde fuhr er nach Hause, sodass der Schotter nur so spritzte.

 

Kerstins Atem ging schnell und ungleichmäßig. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Warum nur war Fina abgehauen? Warum würde ihre Schwester vielleicht nie wiederkommen? Ärgerlich drückte sie beim Schreiben noch fester auf, bis die Miene mit einem Knack! auseinanderbrach. Ihre Lehrerin, Frau Stoß, sah sie warnend an. In diesem Diktat würde Kerstin sowieso eine schlechte Note haben. Ohne Fina neben sich, die sie verblüffte mit ihrer beschwingten, fröhlichen Art, konnte sie kein gutes schreiben. Ihr Endschluss stand fest: Gleich heute Mittag nach der Schule würde sie sich auf den Weg machen.

 

Fina schnaufte. Wo war Tessa? War sie ihr nicht nachgelaufen? Eigentlich war sie ja froh, dass sich Tessa anscheinend nicht getraut hatte ihr zu folgen, aber irgendwie fühlte sie sich gerade so verlassen und hilflos, dass sie sich ihre Freundin mehr als je zuvor herbeiwünschte. Sie rüttelte so fest sie konnte an der schweren Holztür und versuchte mit letzter Kraft, die goldenen Griffe auseinander zu ziehen. Nichts half, kein Fluchen, kein Rütteln, kein Schütteln, kein Drehen, kein Hoch- und kein Herunterziehen. Verzweifelt ließ sie sich auf den kalten Steinboden sinken und verschränkte die Arme vor der Brust; ein leichter Wind ließ sie frösteln. Fina schloss fest die Augen und stellte sich vor, sie würde in ihrem Zimmer sitzen, auf dem weichen, grünen Teppich, so fest, dass es wehtat. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter; sie war kalt und besaß schlanke, lange Finger. Ein warmer Atem stob ihr ins Gesicht und Fina musste unwillkürlich die Augen öffnen. Der Vorraum war in Nebel gehüllt und sie hörte die Stimme in ihrem linken Ohr, leise, aber deutlich, die sie vor wenigen Tagen bereits draußen gehört hatte. Die Finger strichen ihr übers Gesicht, doch Fina schloss schnell wieder die Augen, aus Angst, zu sehen, wer sie da mit dieser weichen Samtstimme hergelockt hatte und nun nicht mehr gehen ließ. Fina hielt sich die Ohren zu, sie wollte diese Stimme nicht mehr hören, genauso wenig wollte sie wissen, wem sie gehörte und als die Finger ihr übers lange schwarze Haar fuhren, hätte sie sie am liebsten abgeschüttelt. Wenn sie nur den Mut dazu gehabt hätte! Vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen. Stattdessen saß sie nur da, die Beine stark angewinkelt und hoffte, dass das alles nur ein böser Traum war, aus dem sie jeden Augenblick erwachen würde.

 

Kommissar Mandt hatte schon vieles erlebt, doch so ein Fall wie dieser war ihm in den letzten dreiunddreißig Dienstjahren auf der Polizeiwache nicht untergekommen. Er wusste noch nicht einmal mehr, wie viele Kinder verschwunden waren – fünf oder sechs? Oder sogar noch mehr? Die Schachts bereiteten ihm momentan die größten Sorgen, besonders die Mutter der kleinen Fina machte ihn noch verrückt. Andere hätten wahrscheinlich abgewinkt und versucht, den Fall möglichst schnell zu lösen. Das wollte Mandt natürlich auch, er versetzte sich nur zu sehr in die Gefühlslage der Betroffenen hinein und fühlte viel zu stark mit ihnen mit. Das war jedes Mal so, nur diese Jill Schacht war einfach sensibler als viele andere besorgte Mütter und er versuchte, so viel wie möglich bei ihr zu sein und ihr Beistand zu leisten. Schließlich wollte er helfen, wo er nur konnte und gleichzeitig die verschwundenen Kinder finden – hoffentlich nicht zu spät…

Kommissar Mandt wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und streifte sich seinen dunkelblauen Dienstmantel über. Gleich jetzt wollte er zu den Schachts fahren und sie über den neuesten Stand der Dinge informieren – auch wenn es nicht sonderlich viel zu erzählen gab. Es hatte sich noch nichts geändert. 

SAMTENE STIMMEN

Anna Victoria Zoe Geller

Tb / Pb / S. 166 / Preis: 11,90 EUR

ISBN 978-3-942199-24-7

 

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