#HANS - PETER JUCKER - Der Autor

#AUF DEM WEG - Das Buch

Roman - Liebesgeschichte

Tb / Pb / S. 341 / Preis: 13,90 EUR

ISBN 978-3-942199-62-9

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#Leseprobe: 

Der Abschied

Mehr als ein Jahr lang war er mir ein guter Freund. Als 8-wöchigen Welpen  übernommen, sollte Cumo unser Begleiter sein in einer glücklichen Beziehung. Wir erlebten so viele schöne Momente mit einem intelligenten, wachsamen, temperamentvollen, aber auch verspielten Hund. Diesen portugiesischen Hirtenhund haben wir sofort in unser Herz geschlossen und er sollte ein fester Bestandteil unserer Familie sein.  

Mein Auto hält an. Ich parkiere am geplanten Treffpunkt auf dem Rastplatz der Autobahn. Es ist exakt 13.00 Uhr. Mein Handy läutet. Bruno, der Züchter, der uns Cumo damals vermittelte, fragt mich, wo ich mich befinde. Ich steige aus und er sieht mich sofort. Ich nehme Cumo an die Leine und begebe mich zu ihm. „Hallo Bruno."

Mehr bringe ich nicht über meine Lippen.

„Hallo Peter" erwidert er.

„Du bist dir wirklich sicher…?"

Ich unterbreche ihn.

„Es tut mir leid, übernimm ihn", stottere ich, fast schluchzend und übergebe ihm alle notwendigen Dokumente.

„Sorg dafür, dass er einen guten Besitzer findet", sag ich noch und entferne mich von den beiden. Cumo bellt. Nein, er ruft mich. Ich schaue nicht zurück, gehe zum Auto und fahre davon.  

Die Autofahrt dauert lang. Ich nehme kaum Notiz von dem, was um mich herum passiert. Mein Kopf ist leer. In apathischer Manier spule ich Kilometer um Kilometer ab. Ich weiss, wo ich hinfahren will. Ein Ort, der nur in den Alpen zu finden ist. Endlich bin ich da. Ich stehe oben und sehe tief hinunter, wo das reissende Wasser des wilden Bachs tobt. Die Teufelsschlucht. Hier wird es enden. Hier, wo alles vor sieben Jahren begann. Ich sehe hinab und entdecke grosse Felsbrocken. Der dort, der wird es sein. Ich schaue mich um. Niemand ist da. Langsam klettere ich über die Strassenmauer.

Wie alles begann

 Keuchend steige ich vom Mountainbike ab. Ich packe eine Flasche Mineralwasser aus und lösche meinen Durst.

„Bist du geschafft?", fragt mich mein bester Freund, Gianni.

„Es geht noch", erwidere ich und begebe mich zur Schlucht. Was die Natur alles an Schönheiten bieten kann. Minutenlang verweilen meine Blicke auf dem Spektakel, welches sich weit unten im Tal abspielt. „Das ist schon beeindruckend", höre ich jemanden sagen hinter mir. Die Stimme ist weiblich. Für den Bruchteil einer Sekunde zuckt es in meinem Körper. Wer kann das sein mit dieser göttlichen Stimme, weit über der Teufelsschlucht? Ich drehe mich um und blicke in zwei wunderschöne, mandelförmige und dunkelbraune Augen.

Ja, schon". Mehr kriege ich nicht über meine Lippen. Ich bin wie erstarrt. Auch sie bleibt stumm. Da kommt Gianni und unterbricht diesen magischen Moment.

„Wollen wir weiterfahren?" Ich schaue ihn an und er merkt sofort, dass er sich zurückziehen soll.

„Hallo, ich heisse Peter", stammele ich.

„Mein Name ist Elisabeth. Man nennt mich einfach Liz", antwortet sie. Wir reden ein bisschen und tauschen die Telefonnummern aus, denn uns beiden ist klar, dass dieses zufällige Treffen weitreichende Folgen haben könnte.

„Ich habe wohl gestört?", meint Gianni anschliessend. Ich antworte mit einer Grimasse und wir setzen unsere Fahrt fort. Ein Fahrradausflug, der keiner mehr war. Es wurde daraus eine Reise voller Phantasien, wo ich meine Gedanken nicht mehr klar ordnen konnte. Da war etwas, was ich vorher noch nie so stark empfunden habe. Oh ja, ich werde sie anrufen. Sehr bald sogar.

 Am darauffolgenden Tag, es ist Montag, sitze ich im Büro, wo ich mich kaum konzentrieren kann. Andauernd denke ich an Liz. Heute Abend muss ich anrufen, sonst wird es wieder eine kurze, schlaflose Nacht werden.

„Peter, hast Du die Exportpapiere für den Medikamenten-Transport nach Kenia ausgefüllt?", unterbricht mein Chef meine Träumereien. „Bin gleich soweit", erwidere ich.

Seit 1988, bald sind 5 Jahre vergangen, arbeite ich für „Médecins Sans Frontières", eine international anerkannten Hilfsorganisation. Inzwischen bin ich stellvertretender Leiter aller Transporte vom Flughafen Zürich in über 20 Krisenländer der Welt, wo wir engagiert arbeiten. Ich war schon zwei Mal bei einem Transport dabei, nach Kenia und nach dem Libanon. Auch wenn es nur kurze Aufenthalte waren, so bestärkten diese meinen Wunsch, Menschen direkt vor Ort zu helfen, in irgendeiner Art. Mit meinen 31 Jahren bleibt mir auch nicht mehr viel Zeit, dies zu realisieren.

 Endlich ist es Feierabend. Ich bin Zuhause und verschlinge mein Nachtessen. Hatte keine Lust zum Kochen und habe mir ein fertiges Menü in die Mikrowelle gelegt. Hackbraten mit Kartoffelstock und Gemüse gab es und dazu ein Glas Mineralwasser. Es ist 19.00 Uhr. Soll ich jetzt anrufen, oder ist es zu früh? Wann isst sie wohl ihr Nachtessen? Ach, ich bin so nervös. Vielleicht bereut sie es, dass sie mir ihre Telefonnummer gegeben hat. Ich führe Selbstgespräche, was eindeutig darauf hinweist, dass ich unsicher bin. Plötzlich klingelt mein Telefon. „Das hast Du davon", rege ich mich auf. „Jetzt ruft Dich Gianni oder sonst jemand an und Du musst weiterhin warten.“ Ich stelle den Anrufbeantworter ein und will hören, wer mich sprechen will. Nach meiner Ansage kommt zuerst gar nichts, nur ein leises Schnaufen ist zu hören. Und dann wieder diese Stimme, die mich seit gestern so quält. Ich nehme den Hörer ab.

„Hallo Liz?!"

 Es ist Mittwochabend. Ich sitze "beim Italiener", ein gediegenes Restaurant im Zentrum der Stadt Zürich. Der Wirt kennt mich und hat mir einen Tisch ganz hinten reserviert. Noch wenige Minuten, dann werde ich sie wiedersehen. Giuseppe, der Wirt, fragt mich, ob ich etwas bestellen will. Ich sage ihm, dass ich noch auf jemanden warte. Kaum gesagt, sehe ich Liz das Restaurant betreten. Ich stehe auf. Sie kommt auf mich zu. Jetzt erst realisiere ich, wie schön sie ist. Schulterlange, dichte und leichtgewellte, dunkle Haare. Ihr leicht taillierter Mantel lässt erahnen, welch tolle Figur sie hat. Giuseppe nimmt ihr den Mantel ab. Sie trägt einen eng anliegenden Pullover und ein Jupe, der gerade rechtzeitig oberhalb der Kniegelenke endet, um zu beweisen, dass sie perfekte Beine hat.

„Guten Abend Liz", begrüsse ich sie. Das erste Mal darf ich sie berühren. Ich küsse sie links, rechts, dann nochmals links auf die Wange und geniesse den Duft ihres Parfüms.

„Hallo Peter", erwidert sie.  Wir setzen uns und fangen an zu reden.

Jeder erzählt aus seinem Leben. Alles, was als wichtig empfunden wird und was den anderen interessieren könnte. Ich erfahre von ihr, dass sie Medizin studiert hat und als Assistenzärztin am Unispital in Zürich arbeitet. Sie ist begeistert zu hören, wo ich arbeite und vertraut mir an, dass sie schon lange mit dem Gedanken spielt, für das Rote Kreuz der Schweiz in Afrika zu arbeiten. Sie will alles wissen über meinen Aufenthalt in Kenia und was ich sonst noch über den schwarzen Kontinent weiß. Dabei sind wir so vertieft in unserem Gespräch, dass wir erst nach einer Stunde endlich unser Essen bestellen. Der Kellner, der schon zwei Mal nachgefragt hatte, schien endlich zufrieden zu sein, als wir uns für ein 4-Gang-Menü entschieden haben. Da wir bisher nur Mineralwasser getrunken hatten und eine Flasche Wein von der besseren (sprich: teureren) Sorte wollten, waren wir uns sicher, dass wir seine Gunst erobert haben.

Giuseppe kam noch am Tisch vorbei und wollte wissen, ob alles zu unserer Zufriedenheit war. Wir bejahten dies, denn das Essen war, wie immer, vorzüglich und der Wein ausgezeichnet. Wir bezahlten und belohnten die Geduld unseres Kellners mit einem großzügigen Trinkgeld. Er schien sehr zufrieden zu sein. Anschließend verließen wir das Lokal und ich begleitete Liz zur nächsten Tramhaltestelle. Uns war klar, dass wir uns bald wiedersehen würden und wir vereinbarten, dass wir noch diese Woche miteinander telefonieren werden. Im Verlauf des Abends habe ich ja von ihr erfahren, dass sie am Wochenende keinen Dienst hat. Kurz bevor ihr Tram anhielt, umarmte und küsste sie auf die Wangen. Ich glaube, es hat ihr gefallen.

Am anderen Morgen, bereits bei der Arbeit, rufe ich Gianni an und verabrede mich zu einem Mittagessen. Auch er arbeitet in der Stadt. Neugierig, wie er immer ist, wollte er wissen, ob ich bereits mit Liz telefoniert habe. Ich sagte ihm, nicht nur das, wir haben uns bereits getroffen und ich würde ihm mehr erzählen beim Essen. Gianni ist gebürtiger Italiener, verheiratet und hat mit Pia, seiner Frau, zwei Kinder. Es sind Zwillinge. Der erste der beiden, Pietro, ist mein Patenkind. Seine Tochter heißt Raphaela. Der Tag geht schnell vorbei. Ich hatte viel zu tun, musste aber immer wieder an Liz und den schönen Abend gestern denken. Ich werde sie heute noch anrufen und hoffe, dass sie keine Spätschicht hat. Ich muss sie so schnell wie möglich wieder sehen.

 

Es ist Freitag. Ich betrete unser Stammlokal, wo wir uns immer zum Mittagessen treffen und sehe Gianni bereits am Tisch etwas trinken. „Hallo mein Lieber", begrüsse ich ihn.

„Ciao bello!", ruft er zurück. Wir kennen uns seit unserer Schulzeit und sehen uns fast jede Woche. Mal beim Essen, bei einem Fussball- oder Eishockeyspiel oder, wie letztes Wochenende, beim Velofahren. Einzig bei unseren Auslandsaufenthalten trafen wir uns nur sporadisch. Er war ein Jahr lang in London. Dort hat er auch seine grosse Liebe kennengelernt und kurz nach seiner Rückkehr in die Schweiz hat er sie geheiratet. Ich setze mich zu ihm.

„Und?", fragt er voller Ungeduld.

„Lass uns zuerst bestellen, dann erzähle ich dir alles.“

Während dem Essen berichte ich ihm von unserem ersten Telefonat, von unserem Treffen am Mittwochabend und dass ich gestern Abend wieder mit ihr telefoniert habe. Wir werden uns am Samstagabend wiedersehen. Gianni kennt mich natürlich sehr gut. Er schaut mir in die Augen und meint: „So habe ich Dich noch nie erlebt. Dich hat es voll erwischt." Ich widerspreche ihm nicht. Nach dem Essen verabschieden wir uns. Er nimmt mich in seine Arme und sagt: „Ich wünsche Dir viel Glück morgen Abend und hoffe, dass Du endlich die Richtige gefunden hast. Es wird ja auch Zeit!"

 Ich liege im Bett, bin müde, aber kann nicht schlafen. Der Tag in der Firma war sehr hektisch und anstrengend. Eine Lieferung von Medikamenten ist in Mali nicht vollständig angekommen. Wahrscheinlich wurden diese von den Zollbehörden oder der Armee gestohlen. Mit solchen und ähnlichen Problemen, werde ich oft konfrontiert. Ein erneuter Transport ist erst zum Ende der nächsten Woche möglich. Bis dahin müssen unsere Leute vor Ort improvisieren oder auf dem Schwarzmarkt ihr Glück versuchen. Manchmal kann auch eine andere Organisation wie das Rote Kreuz aushelfen.

Andauernd muss ich an sie denken. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 22.30 Uhr. Sie hatte vor einer Stunde Schichtende und müsste Zuhause sein. Wie denkt sie über mich? Ergeht es ihr ähnlich wie mir? Was macht sie jetzt gerade? Gestern hatten wir nur kurz telefoniert. Wir wollen ins Kino gehen und anschliessend etwas trinken. Diese Ungewissheit. Ich nehme den Telefonhörer in die Hand, wähle ihre Nummer. Es läutet nur einmal.

„Ja?“ „Ich bin es. Störe ich?"

„Nein, gar nicht. Habe soeben geduscht und liege im Bett."

„Können wir ein paar Minuten miteinander reden?", frage ich schüchtern.

„Ja. Bin froh, dass Du anrufst, ich hatte den Mut nicht."

„Wie geht es Dir?"

„Bin etwas müde, wir hatten einen anstrengenden Tag mit zwei Notfalloperationen", antwortet sie.

„Nein, Liz. Nicht physisch. Wie fühlst Du Dich?"

Sie antwortet nicht, nur Stille. Ich kann ihren Atem hören. Dann, nach einigen Sekunden: „Ich denke sehr oft an Dich."

„Mir geht es genauso."

Wieder diese Stille. Ich unterbreche sie.

„Ich glaube, ich kann jetzt einschlafen und bin Dir so dankbar, dass Du mich letzten Sonntag angesprochen hast. Schlaf gut, Liz,  und bis morgen Abend."

„Gleichfalls. Ich bin auch froh, Dich kennengelernt zu haben."

 Letzte Nacht konnte ich seit Tagen wieder ruhig schlafen und mein Schlafmanko etwas wettmachen, da ich erst gegen 10.00 Uhr erwacht bin. Den Tag verbrachte ich mit putzen und einkaufen. Ich schaute immer wieder auf die Uhr und hatte das Gefühl, dass heute die Zeit langsamer vergeht als sonst.

 Endlich ist der Abend da. Ich esse noch etwas, sitze nun im Auto und fahre von meinem Wohnort in Oberrieden nach Zürich. Liz wohnt in der Stadt und hat mir versichert, dass ich problemlos einen Parkplatz finden werde in der Nähe ihrer Wohnung, wo ich sie treffen werde. Tatsächlich entdecke ich sofort einen Ort zum Parkieren und suche das richtige Haus. Ich stehe vor der Türe zum Hauseingang und läute bei E. Steger. Es scherbelt im Lautsprecher. „Hallo Peter. Nimm den Lift in den dritten Stock!"

Es surrt im Schlossbereich, ich drücke die Tür auf und begebe mich zum Lift. In der rechten Hand halte ich einen Blumenstrauss, den ich heute im Blumenladen gekauft habe. Es ist Ende Oktober und entsprechend habe ich Herbstblumen in meinen Lieblingsfarben orange, gelb und dunkelrot gewählt. Oben angekommen, öffne ich die Fahrstuhltüre. Sie steht vor mir und fällt mir gleich um den Hals.

„Schön, dass Du da bist." Unsere Wangen berühren sich. Ich halte sie ganz fest, drücke sie an mich und wünsche mir, dass dieser Moment nie endet.

„Komm herein in mein Reich", beendet sie diesen speziellen Augenblick. Ist der für mich? Ich liebe diese Farben", meint sie und umarmt mich nochmals kurz. 

AUF DEM WEG

Hans-Peter Jucker

Roman - Liebesgeschichte

Tb / Pb / S. 341 / Preis: 13,90 EUR

ISBN 978-3-942199-62-9

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